News
Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland
von Heidi Müller
Strahlende Bilderwelten
Da haben wir wieder den Beweis. Ein Blick über den Tellerrand kann nur bereichern. Mit seinem offenen Blick nach Frankreich prägte Max Liebermann den deutschen Impressionismus. Damit war er Wegbereiter der ersten künstlerischen Avantgarde in Deutschland. Bis zum 7. Juni 2026 ist das Museum Barberini in Potsdam Schauplatz dieser Avantgarde. Insgesamt 116 Werke aus mehr als 60 internationalen Sammlungen sorgen für Gänsehaut-Momente. Im Zentrum steht Max Liebermann in seinen Rollen als Künstler, Sammler und Präsident der Berliner Secession, der entscheidende Impulse für die Internationalisierung des deutschen Kunstbetriebs gab.
Zugleich offenbart die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Museum Frieder Burda, Baden-Baden entstand, eine neue Generation von Malerinnen und Malern, die, inspiriert von der französischen Moderne, Themen wie pulsierende Stadtansichten, Freizeit- und Naturdarstellungen, Kinderportraits und Theaterszenen künstlerisch weiterentwickelte. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den lange vernachlässigten Künstlerinnen wie Charlotte Berend-Corinth, Emilie von Hallavanya, Dora Hitz, Sabine Lepsius und Maria Slavona.
Die von Frankreich ausgehenden Impulse griffen deutsche Künstlerinnen und Künstler nach 1900 auf und entwickelten dabei eine eigenständige Bildsprache. Ihr Augenmerk richtete sich zunehmend auf die soziale Dimension der Kunst. Sie malten fortschrittliche Sozialeinrichtungen wie holländische Waisenhäuser und nahmen die neuesten Strömungen der Reformpädagogik in ihre Werke auf. Zugleich legten sie Wert auf eine erzählerische Form der Darstellung.
Neben lichtdurchfluteten Landschaften widmeten sich die Impressionisten in Deutschland nächtlichen Stadtansichten, erhellt durch moderne elektrische Beleuchtung. Sie thematisierten gesellschaftliche Spannungen sowie die Anonymität des Großstadtlebens. Dabei offenbarte sich eine ambivalente Sicht auf die Metropole zwischen dynamischem Kulturraum und Ort emotionaler Belastung. Ein ganzer Raum ist Berliner Stadtbildern gewidmet.
Max Liebermann sammelte selber Werke französischer Impressionisten, die für ihn den Maßstab zeitgenössischer Kunst darstellten, und beriet den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, bei dessen Ankäufen in Paris. Liebermanns bedeutende private Sammlung konnten die Gäste in seiner Villa am Wannsee bewundern. Ab 1909 legte er dort einen aufwendig gepflegten Garten an, dessen leuchtende Blütenpracht zum zentralen Motiv seines späten impressionistischen Schaffens wurde – vergleichbar mit Claude Monets Garten in Giverny.
Liebermann starb zwei Jahre nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Seine Villa am Wannsee bleibt als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten.
Infos:
Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam
Laufzeit der Ausstellung: bis 7. Juni 2026
www.museum-barberini.de
Fotohinweis:
Max Liebermann
Mein Haus in Wannsee mit Garten, um 1926
Öl auf Leinwand, 70,5 × 90,2 cm
Privatsammlung
+ Weiterlesen Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland
Schloss & Gutshof Britz
von Heidi Müller
Multitalent und Hidden Champion
Es ist einer dieser Orte, dessen Schönheit und Faszination man nicht vermutet, vor allem nicht im vorurteilsgesättigten Bezirk Berlin-Neukölln. Das Park- und Gebäudeensemble Schloss und Gutshof Britz ist eindeutig ein Hidden Champion.
Kultur, Natur, Architektur und Haute Cuisine an einem Standort. Das grenzt ja schon an Reizüberflutung. Dennoch ist das Ensemble ein innerstädtisches Refugium, das sich zu einem kulturellen Hotspot entwickelt hat. Epizentrum ist das liebevoll restaurierte Schloss Britz: seine Räume sind eine Zeitreise in die repräsentative Wohnkultur der Gründerzeit. Regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen verwandeln das Schloss in ein Museum. „Uns liegt es am Herzen, einen Dialog von damals und heute herzustellen“, sagt Dr. Martin Steffens, Geschäftsführer der Kulturstiftung Schloss Britz.
Insgesamt gibt es jährlich bis zu 70 Kulturveranstaltungen auf dem Gutshof. „Immer mehr Veranstalter erkennen die Qualität des Standorts“, freut sich Dr. Steffens, der in Münster Kunstgeschichte studiert und an der Berliner FU promoviert hat. Thema seiner Doktorarbeit: „Luthergedenkstätten im 19. Jahrhundert“. Bei seinen Recherchen in der Lutherstadt Wittenberg entdeckte er, dass alle historischen Bauzeichnungen von Lutherhaus, Lutherhalle und Schlosskirche gestohlen worden waren. Nachdem ein Strafermittlungsverfahren eingeleitet wurde, fanden rund 1000 Bauzeichnungen wieder zurück ins Stadtarchiv. Kommissar Zufall im Einsatz.
Aktuell schlägt Dr. Steffens Herz für Venedig. Nein, nein, nicht als Commissario Brunetti. Am 7. März beginnt im Schloss Britz die Ausstellung „Venedig sehen und...“ Auch sie wird durch die Freunde und Förderer Schloss Britz e.V. unterstützt. Sie bereichern das kulturelle Leben auf dem Standort im wahrsten Sinne des Wortes: sei es durch das bronzene Milchmädchen im 1,8 Hektar großen Schlosspark oder dem Bechstein-Flügel im Kulturstall. Der einstige Kuhstall dient mit seiner State of the Art-Akustik als attraktiver Konzertsaal.
Auf dem Gutshof gibt es wahrlich nichts, was den Genuss und die Ruhe der Gäste stören könnte. Außer, wenn das Hufgetrappel der Kutschpferde über den Gutshof klappert.
Schloss und Gutshof Britz
Alt-Britz 73 – 81, 12359 Berlin
www.schlossbritz.de
www.schloss-gutshof-britz.de
Tel.: +49 30 60979230
Bildnachweis: Schloss Britz © Jens Ferchland
TASCHEN WAREHOUSE SALE
von Heidi Müller
Tollkühne Glückseligkeit
Möchten Sie sich eine Welt ohne Bücher vorstellen? Das Aufschlagen eines jungfräulichen Buches, dieses Geräusch beim ersten Öffnen, dieser einzigartige Duft des Papiers. Bücher bereichern nicht nur unsere mentalen Ressourcen, sondern auch unsere Sinne. Magische Erlebnisse dieser Art bietet der Taschen Verlag mit seinen Wunderwerken.
Die gibt es jetzt wieder im Warehouse Sale mit Preisnachlässen von bis zu 75 Prozent, und zwar bei Ansichts- oder Mängelexemplaren aus den Themenbereichen Kunst, Architektur, Design, Grafik, Film, Fotografie, Mode, Reise, Popkultur und Sex.
Stöber-Zeit ist von Mittwoch, 4. Februar – mit exklusiver Preview Party von 17 bis 20 Uhr – bis Samstag, 7. Februar, im TASCHEN Store in Berlin. Oder bequem von Zuhause von Donnerstag, 5. Februar, bis Sonntag, 8. Februar, bei taschen.com.
1980 hat Taschen die Arbeit als kultureller Schatzgräber aufgenommen. Seitdem steht der Verlag für erschwingliche, hochwertige und mitunter tollkühne Publikationen von Kunst bis Körperkult. Mögen uns die Magie der Bücher noch lange beglücken.
TASCHEN Store Berlin
Schlüterstr. 39
10629 Berlin
www.taschen.com
Ristorante „Il Punto“: Eine deutsche Zeitreise
von Heidi Müller
„Das Leben schenkt mir Menschen“
Jeder von uns hat seine Bestimmung. Da ist er sich absolut sicher. Eigentlich wollte der im sizilianischen Camporeale geborene Giuseppe Perna Jurist werden. „Wegen meiner Veranlagung für soziale Gerechtigkeit,“ sagt er. Dann schickte ihn sein Vater aufs Internat mit angeschlossener Hotelfachschule. Da war er gerade mal 14 Jahre alt.
Mit dem Diplom in der Tasche geht er nach Mailand, arbeitet als Kellner. Als er seinem Bauchgefühl folgt und seinen ehemaligen Lehrer im Internat besucht, fällt sein Blick auf einen weißen Briefumschlag auf dessen Schreibtisch. Er entziffert „Hotel Steigenberger, Bonn“. Intuitiv bewirbt er sich: in diesem unbekannten Bonn, auf italienisch. „Zwei Wochen später erhalte ich eine Antwort: Caro Peppe, wann kannst Du kommen? Gruß Mimmo Cusenza. Ein Mitschüler aus dem Internat.“ Zufall?
Er weiß es noch wie heute: „Am 8. März 1977 fahre ich nach Palermo, nehme um 10 Uhr den Zug nach Milano. Nach 22 Stunden Fahrt erreiche ich dann am 9. März um 8 Uhr Milano. Um 21.45 Uhr komme ich in der damaligen Bundeshauptstadt an.“ Eine Zugfahrt in ein neues Leben.
In den nächsten drei Jahren betreut er die Bonner Politprominenz und ihre internationalen Gäste auf diversen Staatsbanketten im Steigenberger, in der Villa Hammerschmidt und im Gästehaus Schloss Gymnich. Dann wirkt er im Hotel Bristol. Dort waren häufig Gäste des Auswärtigen Amtes untergebracht. Was könnte er alles erzählen: Bundespräsident Walter Scheel, Bundeskanzler Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Bundeskanzler Helmut Kohl, US-Präsident Jimmy Carter, Ägyptens Präsident Answar Sadat... Sie alle hat er als Gäste betreut. Peppe Perna ist ein Oszillator der Bonner Republik. Wenn er von damals erzählt, wird einem, der in dieser Zeit geboren ist, ganz warm ums Herz. Plötzlich flackern schwarz-weiß Filme mit Heinz Erhardt und Abendshows mit Hans-Joachim Kulenkampff vor einem auf.
Die Zeitreise geht weiter, führt ihn ins Hotel am Tulpenfeld. Das einzige Hotel direkt im damaligen Regierungsviertel, im Zentrum der Macht. Hier arbeitet auch Ettore Di Pietrantonio aus den Abruzzen als Souschef. „Um 1984 herum spielten wir plötzlich mit dem Gedanken, uns selbständig zu machen“, sagt Peppe Perna. Seine Wurzeln lassen ihm keine Ruhe. „Siziliens Geschichte ist geprägt von der Gastlichkeit und den kulturellen Einflüssen zahlreicher Völker, die die Insel über Jahrhunderte hinweg besiedelten.“ Peppe will selber Gastgeber sein. „Zu der Zeit träumten plötzlich alle von einem Gourmettempel. Jeder, der eine Kneipe besaß, wollte daraus einen Gourmettempel machen“, lacht er.
Der Zeitpunkt ist gekommen. Peppe und Ettore übernehmen die Kneipe „Zur Kastanie“ in einem Ortsteil am nördlichen Stadtrand der Bundesstadt Bonn mit rund 4900 Einwohnern: Buschdorf. Als 1987 ein Restauranttester das „La Castagna“ besucht, bemerkt er zwar, dass es keine Pizza gibt, aber es muss ihm gemundet haben. Nach seinem Besuch geht es steil bergauf, der Italiener in Buschdorf avanciert zum Geheimtipp für die gesamte Region von Bonn bis Köln. Zeit, ein zweites Restaurant zu eröffnen, und zwar direkt im Regierungsviertel: das „Il punto“, Treffpunkt für die Bonner Politprominenz. Mit Kanzlertisch und Kanzlerdiagonale. „Bei uns saßen sich die beiden Kanzler Kohl und Schröder in gebührendem Abstand diagonal gegenüber“, erklärt Peppe Perna. Es würde Drehbücher für Netflix-Serien füllen, würde Peppe Perna erzählen. Tut er aber nicht. Das schätzen auch seine Gäste.
Als Kolumnist Martin S. Lambeck das Il punto dann noch als Edel-Italiener adelt, scheint der sizilianische Gastgeber den Olymp erklommen zu haben.
Dann fällt die Mauer.
„Man muss immer nach vorne schauen“ sagt er und erinnert sich an einen Leitsatz seines weisen Vaters: „Wenn du nach vorne gehst, musst du immer neue Schuhe tragen.“ Er spürt im tiefsten Inneren: Berlin ist meine Bestimmung. Il destino. 2004 zieht Peppe Perna nach Berlin.
Ohne Restaurant. Ohne gastgebende Funktion. Bei einem Spaziergang rund um das Brandenburger Tor sieht er an einem geschlossenen Café ein Schild: Zu vermieten. Mamma mia. Was für ein majestätischer Standort, denkt er und ruft die angegebene Telefonnummer in Frankfurt am Main an. Es meldet sich ..... ein ehemaliger Gast aus dem La Castania in Buschdorf. Am nächsten Tag treffen sich Beide in Berlin. Zufall?
Direkt am Brandenburger Tor eröffnet Peppe Perna sein Berliner Il Punto, muss das Objekt aber wieder dem hungrigen Immobilienmarkt überlassen. Doch er ist sich bewusst, dass er auf neuen Schuhen wandelt. Und erfährt über einen Gast aus Bonner Zeit, dass in der Neustädtischen Kirchstraße eine große Gewerbefläche leer steht. Am 1. Juli 2009 öffnet das Il Punto 2.0 seine Türen.
Die Türen in Peppe Pernas Berliner Destino. Der Zug hat seinen Zielbahnhof erreicht. Auch das Berliner Il Punto erfüllt seine Bestimmung. Es ist Treffpunkt, Schmelztiegel, Epizentrum. Scusi, und natürlich Edel-Italiener. Auch hier werden Entscheidungen getroffen, die die Bundesrepublik Deutschland geprägt haben. Und weiter prägen werden.
Der Nukleus von allem: Giuseppe Perna. Mit Verlaub: Ohne ihn wäre das Il Punto nur ein Edel-Italiener. Erst durch seine Energie wird es zu einem Ort der genussvollen Glückseligkeit. „Momento momento, dazu tragen aber auch Enrico Catapano, mein Geschäftspartner und Küchenchef und unser ganzes Team bei“, betont der Patrone und ergänzt: „Das Erreichen der Zufriedenheit meiner Gäste ist mein Herzensanliegen. Darin finde ich meine innere Zufriedenheit.“
Seit über 55 Jahren kreiert er dieses Gefühl. Seit 40 Jahren bietet er als Gastgeber Emotionen an, betreut seine Gäste mit maximaler Aufmerksamkeit. „Es ist meine Bestimmung, Menschen zu begegnen. Ich bin dankbar für das, was das Leben mir schenkt. Es schenkt mir Menschen.“
Il Punto
Neustädtische Kirchstr. 6 | 10117 Berlin
www.ilpunto.net
Foto: Mohan Tharmalingam, Enrico Catapano, Peppe Perna
+ Weiterlesen Ristorante „Il Punto“: Eine deutsche Zeitreise
Die Uckerose Manufaktur der Elena von Gieck
von Heidi Müller
Die beseelte Alchemistin
Es war einmal eine junge Frau aus Kasachstan, die studierte Chemie. Leider ohne jegliche Leidenschaft. Die schien in ihrem jungen Leben im Dornröschenschlaf. Mit 25 Jahren kommt Elena von Gieck nach Deutschland, macht eine Umschulung zur Industriekauffrau. Finanzcontrolling? Auch nicht gerade geeignet, um ihre Leidenschaft zu wecken. Doch das Verlangen ihrer Seele, ihre Sehnsucht bleibt hartnäckig. „Was macht mich aus?“ fragt sie sich. Ihre innere Expedition beginnt. „Ich fühlte mich entwurzelt. Ich war auf der Suche nach meinem Zuhause, nach Geborgenheit. Nach Ankommen.“
Sie fühlt sich zur Pflanzen- und Naturheilkunde hingezogen, stellt Kosmetik und Parfüm her, gibt Kurse an der Volkshochschule. „Damit fing mein Erwachen an. Ich spürte etwas Lebendiges in mir.“ Sie zieht aus Baden-Württemberg nach Brandenburg, erinnert sich plötzlich an ein kleines französisches Café in Erfurt. Ein Zeichen? Sollte sie ein Café eröffnen? Mit 45 Jahren? Ohne Kapital? Die Sehnsucht bleibt unerschütterlich. „Mein größtes Kapital ist mein Kopf“, sagt sie sich und findet einen Investor. 2011 eröffnet sie in Templin ihr eigenes kleines Café und Schokoladenlädchen „Gourmet Flammerie Templino“. In der verwunschenen Einkaufspassage pflanzt sie einen Rosenstock.
Nach zwei Jahren wird sie unruhig, sucht nach Räumlichkeiten. In Bernau wird sie fündig. Voilà: das Café Flammerie Pascal ward geboren. Doch nach einem Jahr ist sie wieder da, die innere Unruhe. Diesmal wird sie in Potsdam fündig, haucht dem Hofcafé Madame Récamiere ihr Leben ein. Und verliebt sich in die Garnisonsstadt.
Auf einer Reise an den Gardasee entdeckt Elena von Gieck in einer kleinen Sackgasse ein Lädchen. „Karins Limoncello Laboratorium“. Eine ältere Frau köchelte im Hinterstübchen Marmelade. „Ich war auf der Stelle verzaubert“, erzählt sie. Dann sieht sie eines Tages im Fernsehen einen Bericht über einen Bio-Rosenhof in der Uckermark. Zwei Tage später steht sie vor dem Hof, öffnet das hölzerne Tor – und begegnet ihr: der Rose. „Dieser betörende Duft, diese leuchtende Farbe. In diesem Moment hat sich für mich die Welt geöffnet.“
Die Rose weckt nicht nur die Weiblichkeit und Sinnlichkeit in ihr, sondern auch die Alchemistin. Sie ist beseelt von ihrem innigsten Wunsch, ein Elixier der Sinnlichkeit zu kreieren – und gründet die Marke „Uckerose“ und die Rosenlaboratorium-Manufaktur in Templin. Dort wird fortan in kupfernen Destillen mit viel Liebe und Hingabe filtriert, extrahiert, kombiniert, abgefüllt, etikettiert, verpackt.
Die Ergebnisse ihrer Liebe zur Rose und zur alchemistischen Kunst gibt es in ihrem verführerisch duftenden Laden in Potsdams Gourmetmeile, der Gutenbergstraße: vom Rosenmousse Gold (eine Geschmacksexplosion aus ca. 20 duftenden Rosenblüten) über alkoholfreien Rosen-Spritz, Single Malt und Rosen-Elixier mit fassgereiftem Portwein, Granatapfel und Rosmarin bis zu Schokolade, Rosensalz und Rosenpfeffer sowie Rosen-Früchtetee.
Elena von Gieck ist angekommen. Eine Rose aus der Uckermark – übrigens ein Tiefwurzler – hat sie dabei unterstützt, selber Wurzeln zu schlagen. Woher sie in all den Jahren den Mut genommen hat? „Ich bin beim Gehen gewachsen“, sagt sie. „Es ist nie zu spät, seine Bestimmung zu leben.“
Rosen-Laden – Laboratorium
Elena von Gieck
Gutenbergstrasse 31
14469 Potsdam
www.uckerose.de
Museum Barberini: Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst
von Heidi Müller
Magischer Tausendsassa
Wann haben Sie das letzte Mal ein Einhorn gesehen? Nicht unbedingt leibhaftig, nein, nein. Aber Einhörner sind absolut en vogue. Sie schmücken Kinderzimmer und Schulranzen, gerne in einem nicht zu übersehenden Schrill-Pink. Das Museum Barberini widmet dem Fabeltier jetzt eine fantastische Ausstellung: Rund 150 Werke aus einem Zeitraum von etwa 4000 Jahren, darunter Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, illuminierte Manuskripte, Plastiken und Tapisserien. „Viele dieser Werke werden nur selten ausgeliehen“, sagt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Wir freuen uns, dass wir mit unserem Ausstellungskonzept über 80 Leihgeber aus 16 Ländern überzeugen konnten.“ Keine Frage: das Museum ist mit einer besonderen Freizügigkeit beglückt worden. Zu den Leihgebern gehören u.a. die Gallerie degli Uffizi, Florenz, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris, das Museo Nacional del Prado, Madrid und das Victoria and Albert Museum, London.
In der Kunst ist das beeindruckende Wesen omnipräsent. „Jedes große Museum hat mindestens eine Darstellung in seiner Ausstellung,“ sagt Chefkurator Michael Philip. „Das Einhorn ist magisch. Das mythische Wesen ist ein vielschichtiges Zeichen, von dem eine besondere assoziative Energie ausgeht. Es ist in keinem Zoo als lebendes Tier zu sehen, aber zugleich allgegenwärtig – in der Popkultur, als Werbung oder in den Kinderzimmern“, erklärt der empathische, begeisternde Kurator der Ausstellung. Man könnte ihm stundenlang zuhören. „Das eine Horn auf der Stirn, das kein anderer Vierfüßer trägt, gilt als Zeichen der Auserwähltheit. Es zeigt das Einhorn als etwas Außergewöhnliches, das einer anderen Welt als der alltäglichen angehört. Dieser übernatürliche Status, seine ferne Vertrautheit, macht es zu einer Projektionsfläche für Sehnsüchte und Idealvorstellungen,die sich aus überlieferten Geschichten und Bildern speist.“
Seit dem 16. Jahrhundert sammelten Fürsten und wohlhabende Bürger kostbare, seltene oder kuriose Objekte in Kunst- und Wunderkammern.. Das Horn des Einhorns – tatsächlich der Zahn des Narwals – war überaus begehrt. Das lag nicht nur an seiner Stellung zwischen Phantastik und Wirklichkeit, sondern auch an seinem besonderen Erscheinungsbild sowie seiner kulturellen Bedeutung. Bis ins 17. Jahrhundert war man überzeugt, dass Einhörner existieren. Dann siegte die Vernunft. Leider.
Das Einhorn – ein Tausendsassa: Christussymbol, Wappentier, Allheilmittel, Türhüter der Fantasie. Wenn man schon immer mal wissen wollte, wie man ein Einhorn fängt: in der Ausstellung findet man garantiert die Antwort.
P.S. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm mit Führungen, Workshops, Vorträgen, Gesprächen, einer Lesung und einem Konzert sowie einem
Filmprogramm begleitet.
Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstraße 5–6
14467 Potsdam
Ausstellungsdauer: bis 1. Februar 2026
Besucherservice
T +49 331 236014-499
www.museum-barberini.de
+ Weiterlesen Museum Barberini: Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst
André Butzer und Lars Eidinger im Taschen Store Berlin
von Heidi Müller
Sehnsüchte, die man verwenden kann
Dieser Herbst soll es ja bekanntlich in sich haben. Während die einen nur reden, handeln die anderen. Im Taschen Store Berlin wird es Allerheiligen hochkarätig. André Butzer, einer der international anerkanntesten Maler seiner Generation, signiert das Buch Die Jahreszeiten. Gedichte von Friedrich Hölderlin. Für dieses Künstlerbuch hat André Butzer 47 Gedichte zusammengestellt, die Hölderlin zwischen 1793 und 1843 zu den vier Jahreszeiten schrieb. Dazu hat er selbst 40 Aquarelle geschaffen. Hölderlin ist wohl André Butzers Lieblingsdichter und zählt neben Walt Disney und Henri Matisse zu seinen „Lieblingspersönlichkeiten überhaupt“. Seine Identifikation mit dem Dichter geht sogar so weit, dass Hölderlins Todestag Butzers eigener Geburtstag ist.
Hölderlin formuliert, so Butzer „genauso wie Disney Sehnsüchte. Und die kann man verwenden.“ Für Hölderlin ist die Dichtung jener Ort, der einen menschlichen Aufenthalt auf Erden möglich macht. Für Butzer ist es die Malerei. In der Dichtung findet er Beistand, um die extremen Widersprüche der Welt malerisch auszutragen und auszusöhnen. Das sich so magisch ergänzende Werk wird an diesem Tag noch erhöht; kein geringer als Schauspieler Lars Eidinger wird im Taschen Store Gedichte aus dem fantasievollen Werk vortragen.
Sa, 1. November, 17 – 18 Uhr
TASCHEN Store Berlin
Schlüterstr. 39
10629 Berlin
TASCHEN
André Butzer. Hölderlin
Hardcover, 24.8 x 33.3 cm, 1,5 kg, 204 Seiten
taschen.com
+ Weiterlesen André Butzer und Lars Eidinger im Taschen Store Berlin
3. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
von Heidi Müller
Vom Fuchs inspiriert
Berlin ist ein Epizentrum für Kunstschaffende. Zu diesem Juwel gehört auch die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Seit ihrer Gründung im Jahr 1996 hat sich die alle zwei Jahre stattfindende internationale Ausstellung zu einem der wichtigsten Foren für zeitgenössische Kunst entwickelt. Mit jeder Ausgabe bringt sie die jeweils aktuell einflussreichen Positionen von Kunstschaffenden aus unterschiedlichen Bereichen zusammen.
Die 13. Berlin Biennale zeigt ihr Programm mit über 170 Werken an vier Ausstellungsorten: in den KW Institute for Contemporary Art, den Sophiensælen, im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart und in einem ehemaligen Gerichtsgebäude in der Lehrter Straße in Berlin-Moabit. Kunst macht mobil, hält nicht nur Köpfe und Herzen in Bewegung. Ein wundervoller Anlass, seine Lieblingsstadt mal wieder neu zu erkunden, offen für Neues zu sein.
Die 13. Berlin Biennale hat übrigens ein ganz schlauer Zeitgenosse inspiriert: der Fuchs. „Die starke Präsenz von Füchsen im Berliner Stadtbild ist einer der Ausgangspunkte dafür, die 13. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst als Erforschung von Flüchtigkeit zu denken“, sagt Zasha Colah, Kuratorin der 13. Biennale. Flüchtigkeit als die kulturelle Fähigkeit eines Kunstwerks, im Angesicht legislativer Gewalt seine eigenen Gesetze zu definieren. Unter dem Motto „das Flüchtige weitergeben" zeigt die Berlin Biennale Arbeiten von 60 Künstlerinnen und Künstlern aus fast 40 Ländern, die teilweise unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. „Dies ist eine Biennale über das Denken selbst unter den schwierigsten Umständen wie Folter, Gefangenschaft, Krieg", sagt Zasha Colah. Wenigstens die Gedanken sind und bleiben frei.
INFO:
Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
bis 14. September 2025
www.13.berlinbiennale.de
www.berlinbiennale.de
Museum Barberini: Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro
von Heidi Müller
„Ein echt cooler Typ“
„Er war ein echt cooler Typ, den hätte ich gerne kennengelernt.“ Nicht nur Christoph Heinrich, Direktor des Denver Art Museums, ist begeistert von dem Wirken und Wesen des Camille Pissarro. Als Kooperationspartner gehört sein Museum zu den über 50 internationalen Sammlungen, die die neueste Ausstellung im Museum Barberini möglich gemacht haben, darunter das J. Paul-Getty-Museum, Los Angeles, die National Gallery Washington, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Van-Gogh-Museum, Amsterdam, das Musée d’Orsay, Paris und die National Gallery, London.
Über 100 Werke sind Gänsehaut auslösende Zeugen des beeindruckenden Lebenswerks dieses coolen Typen: Camille Pissarro, zentrale Figur des Impressionismus. Dabei war er gar kein Franzose, wovon die meisten von uns wohl ausgegangen sind. Kurze Auffrischung gefällig? Geboren 1830 auf den damaligen Dänischen Antillen, als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie mit französisch-portugiesischen Wurzeln. Nach Ende seiner schulischen Ausbildung in Frankreich reist Pissarro mit dem dänischen Maler Fritz Melbye zwei Jahre lang durch Venezuela. 1855 siedelt er nach Frankreich über. Auf der Suche nach einer neuen, zeitgemäßen Ästhetik schreibt er sich an der privaten Académie Suisse in Paris ein, wo er Gleichgesinnte trifft, darunter Claude Monet und Paul Cézanne. 1870 flieht die Familie Pissarro vor dem Deutsch-Französischen Krieg aus Paris nach London. Bei ihrer Rückkehr nach Frankreich schließt sich Pissarro mit Malerkollegen wie Monet, Renoir und Sisley zusammen und initiiert mit ihnen 1874 die erste Impressionisten-Ausstellung. Bis 1884 folgen sieben weitere Schauen.
Mit Camille Pissarro wurde ein Außenstehender zur zentralen Figur der Impressionisten. Er, dessen erste Studien unter freiem Himmel in der Karibik und in Venezuela stattfanden, bringt eine von akademischen Normen unabhängige Perspektive in den Kreis der Pariser Künstler, für den er die Rolle eines entscheidenden „Netzwerkers“ einnimmt, so Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini.
Da er schon mit 40 Jahren einen weißen XXL-Rauschebart trägt, nennen ihn die Künstler des Kreises daher auch liebevoll Père Pissarro. Ortrud Westheider: „Camille Pissarro war für viele der impressionistischen Künstler wie eine Vaterfigur, sein eigenes Schaffen wurde aber erst in der jüngeren Vergangenheit ausgiebiger betrachtet und gewürdigt. Mit den sieben Werken Pissarros in der Sammlung Hasso Plattner als Ausgangspunkt und ermöglicht durch die großartige Zusammenarbeit mit dem Denver Art Museum zeigen wir, wie Pissarros Impressionismus zwar eng mit der Gruppe verbunden, aber gleichzeitig einzigartig ist.“
„Vor allem Pissarros Landschaftsauffassung ist ein Alleinstellungsmerkmal unter den Impressionisten“, erklärt Nerina Santorius, Kuratorin der Ausstellung und Sammlungsleiterin am Museum Barberini. „Während Kollegen wie Monet oder Renoir Stadt und Land meist als Freizeitraum des Bürgertums darstellen, richtet Pissarro den Blick darauf, wie die einfache Bevölkerung unterschiedliche Alltagslandschaften gestaltet und prägt. Er zeigt, wie seine Frau Julie den Garten kultiviert, eine erfahrene Bäuerin auch mit nassem Holz ein Feuer anzündet oder auf einem Pariser Boulevard Kutschen im Feierabendstau stecken. Den kleinen Dingen des Alltags Schönheit abzugewinnen, war für Pissarro ein zentrales Anliegen seiner künstlerischen Arbeit.“
https://www.museum-barberini.de/de/ausstellungen/16988/mit-offenem-blick-der-impressionist-pissarro
Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro
Museum Barberini
Alter Markt/Humboldtstraße 5-6
14467 Potsdam
Laufzeit: bis 28. September 2025
Mi–Mo 10–19 Uhr
Besucherservice
T +49 331 236014-499
Foto: © David von Becker
+ Weiterlesen Museum Barberini: Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro
Humboldt Forum: Restaurierung im Dialog
von Heidi Müller
Eines der ältesten Schätze der preußischen Kunstkammer
Was wäre das Humboldt Forum ohne die Modell- und Steinbildhauer, Steinmetze, Stuckateure und Restauratoren, die die historischen Barockfassaden in der Schlossbauhütte in Spandau rekonstruiert haben? Moderne Michelangeli von heute. Ebenso wurden für die Ausstellungen bisher tausende Exponate aus verschiedenen Regionen der Welt restauriert. Solche eindrucksvollen Arbeiten finden meist hinter den Kulissen statt – für Besucher bleiben sie oft unsichtbar. Bis jetzt: Die neue Ausstellung „Restaurierung im Dialog“ gewährt uns Einblicke hinter die sonst verschlossenen Türen.
Im Zentrum stehen fünf sehr unterschiedliche Schätze, einer davon sogar noch aus der preußischen Kunstkammer: zwei Wappenpfähle von der Nordwestküste Amerikas, ein mongolischer Schrein aus dem 20. Jahrhundert, eine Zeremonialpfeife der Umoⁿhoⁿ aus Nebraska und ein chinesisches Lackschränkchen aus der Qing-Dynastie. Wobei Lackschränkchen viel zu profan klingt. Dieses Prunkstück aus schwarzem Koromandellack mit eingeschnitzten farbigen Darstellungen zieht einen sofort in seinen Bann. Im Inneren findet man Blätter aus Eivogelfedern, Chrysanthemen aus Bernstein... Am liebsten würde man um den magischen Schlüssel bitten, der alles in dieser märchenhaften Box für drei bis vier Minuten wie ein Spielwerk in Bewegung versetzt. „Dieses Schränkchen ist eines der ältesten Schätze unserer Sammlung, es stammt noch aus der brandenburgisch-preußischen Kunstkammer“, sagt Ulrike Stelzer, Sammlungsrestauratorin für Ostasiatische Kunst bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz .
Seit 2011 wurde das Schätzchen restauriert. Es war ein reiner Zufall, dass der etwas neugierige und technisch begabter Ehemann einer Restauratorin, einer Frau bei ihrer Arbeit über die Schulter lugte. Auf ihrem Tisch lagen hunderte von ausgebauten Einzelteilen. Er entdeckte beglückt die Mechanik und behauptete kühn: Ich traue mir zu, das Spielwerk zu reparieren.
Ein Hoch auf die Kühnheit. Nun mussten all‘ die hunderte von Einzelteilen so zusammengepuzzelt werden, dass die Mechanik auch funktionierte und sich alles wie von Zauberhand in einer ausgeklügelten Choreographie bewegte. Ach ja: den Schlüssel, der alles in Gang setzte, gab es leider nicht mehr. Nachdem auch dieser und weitere fehlende Teil der Mechanik nachgebaut werden konnten,
„Das bleibt für uns alle ein unvergessener, erhabener Moment, denn es galt eigentlich als unwiederbringlich zerstört“, gesteht Ulrike Stelzer. Wenn Märchen wahr werden. Die Ausstellung lehrt einen Hochachtung vor dem Handwerk, und Demut vor den ethischen Abwägungen, die mit einer Restaurierung einhergehen.
Zeitgleich mit dieser temporären Ausstellung gibt es noch zwei weitere zu entdecken: Der Indigene Künstler Feliciano Lana aus Brasilien erzählt in seinem Bilderzyklus „Die Geschichte der Weißen“ (https://www.humboldtforum.org/de/programm/laufzeitangebot/ausstellung/feliciano-lana-143965/) vom Kontakt zwischen Indigenen und Weißen.
Die Arbeiten des japanischen Künstlers Takehito Koganezawa kreisen um Fragen der Zeit- und Raumwahrnehmung: „Eins auf Zwei. Zwei auf Eins“ https://www.humboldtforum.org/de/programm/laufzeitangebot/ausstellung/takehito-koganezawa-144403/ eröffnet der Vorstellungskraft und ästhetischen Wahrnehmung neue Spielräume.
Info:
Restaurierung im Dialog
https://www.humboldtforum.org/de/programm/laufzeitangebot/ausstellung/restaurierung-im-dialog-144418/
Sa, 24. Mai 2025 – Mo, 1. Juni 2026
Humboldt Forum
Schloßplatz, 10178 Berlin
Besucherservice
+49 30 99 211 89 89
Museum für Asiatische Kunst, 3. OG, Wechselausstellungsfläche 47, Raum 301
Öffnungszeiten
Mo, Mi, Do, Fr, Sa, So: 10:30 – 18:30 Uhr
Die Ausstellung ist kostenfrei
https://www.humboldtforum.org/de/programm/
Ristorante Essenza – Ikone der italienischen Hauptstadt-Restaurants
von Heidi Müller
Anspruchsvolle Reduktion auf das Wesentliche
Er wollte Lehrer werden, studierte Linguistik und Germanistik in der majestätischen Stadt Agrigento an der Südküste Siziliens, heute Kulturhauptstadt. Bis ihn eines Nachts sein älterer Bruder aus Berlin anrief: „Wir gehen gerade auf dem Kudamm spazieren.“ Nachts. „Du glaubst nicht, was hier los ist.“ Pasquale Sinaguglia wollte es wissen. Er besuchte seinen Bruder – und verliebte sich in die Stadt. Das war’s. Der 17-Jährige vertraute seinem Gefühl und zog im Juli 1988 nach Berlin. Goethe und Grass mussten warten.
Dank seines Bruders konnte er gleich im Ristorante „La Villa“ in Berlin-Zehlendorf loslegen. Drei Monate später saß er bereits in der Geschäftsleitung. Dann schien er wie ein Atom in der einzigartigen historischen Beschleunigung dieser Stadt mitzukreisen. Die Mauer fiel und sein Leben wurde zu einem Teil dieser einzigartigen Geschichte. „Dieses Glück, all das miterleben zu dürfen“, reflektiert er fast poetisch, während er an die dynamischen Entwicklungen in der Stadt zurückdenkt.
Und dann geht alles Schlag auf Schlag. Er leitet das Ristorante „Villa Medici“, eröffnet 1992 sein erstes eigenes Restaurant: das „La Ferla“ in Tegel. Dafür wird er als jüngster selbstständiger Gastronom vom Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen ausgezeichnet. Das „La Ferla“ zählt fortan zu den besten italienischen Restaurants Deutschlands. Nebenbei absolviert er eine Ausbildung zum Chefkoch, wird vom Feinschmecker für sein innovatives Konzept mediterraner Küche ausgezeichnet.
Ein Leben voller Energie und Leidenschaft. Sein persönliches Wirken ist dabei eng verwoben mit den epochalen Entwicklungen im Außen. Die neue Mitte Berlins – der Potsdamer Platz – fasziniert ihn. Auch seine Liebe zur Architektur ist Ausdruck seines besonderen Gespürs. Der 103 Meter hohe Kollhoff Tower bringt seine Neuronen zum Schwingen. 2004 eröffnet er dort das Essenza – die Ikone der italienischen Hauptstadt-Restaurants. Die Adresse spricht für sich: Potsdamer Platz 1.
Essenza: die Reduktion auf das Wesentliche, gesteigert zum Maximum. Der Ursprung von allem. Hier materialisiert sich Pasquale Sinaguglias Anspruch. Es ist nicht nur das Optimum an Produktqualität, handwerklichem Können, kreativer Kochkunst, Service und Gastfreundschaft – es ist die tiefe Dankbarkeit und Demut vor dem, was möglich ist.
„Wir sind sehr stolz darauf, was wir in all den Jahren geschafft haben“, sagt der Patrone.
Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als die ganze Welt zu Gast in Berlin war, wird das 1. Haus am Platz komplett eingerüstet. Für ganze fünf Jahre. Die Umbauarbeiten am Kollhoff-Tower stellen das Restaurant vor unvergessliche Herausforderungen. Das Resultat: Umsatzrückgänge von bis zu 70 Prozent. „Wir haben sehr gelitten“, erinnert sich Pasquale, „aber wir haben uns über unsere konsequente Qualität gehalten.“ Dieser Anspruch ist der Herzschlag seines Handelns. „Du musst dich entscheiden: Willst du Geld verdienen oder willst du die Gäste glücklich machen?“ Pasquales Wahl ist eindeutig.
2020 dehnt der Gastronom sein energetisches Wirkungsfeld aus und eröffnet in der Mall of Berlin, in einem denkmalgeschützten Gebäude, eine Dependance – ein modernes Restaurant im Industriedesign für ein jüngeres, urbanes Publikum. Bei all seinem Handeln ist sich der beseelte Visionär der Genussoffenbarung stets bewusst: Die Famiglia – seine Frau Stefania, die er 1999 in Tegel kennengelernt hat – und die Loyalität seines Teams sind ein wesentlicher Bestandteil der Essenz des Ristorante Essenza.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. Denn wie Goethe sagte: „Die Natur hat kein System, sie hat, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum zu einer nicht erkennbaren Grenze.“ Wir dürfen gespannt sein, welche neuen kulinarischen Abenteuer und geschmacklichen Offenbarungen die Zentrifugalkraft von Pasquale Sinaguglia in der Zukunft hervorbringen wird.
Ristorante Essenza
Potsdamer Platz 1
10785 Berlin
Tel.: 030 25796856
Öffnungszeiten: täglich ab 12 Uhr
www.ristorante-essenza.de
+ Weiterlesen Ristorante Essenza – Ikone der italienischen Hauptstadt-Restaurants
Porsche Racing Moments im Taschen Store
von Heidi Müller
Leben auf der Überholspur
Dieses Buch ist ein Muss für alle Porsche-Liebhaber. Ein Mythos in hypnotisierenden Fotos, durch die man das Universum aus Benzin und Öl zu riechen scheint. Man spürt den Sog der vorbeirasenden Autos, hört die Vibration des Asphalts und die fast orgiastisch anmutenden, röhrenden Geräusch der Motoren. Ein Buch wie eine Rennstrecke. 25 Jahre Porsche-Rennwagen durch das Objektiv von Rainer W. Schlegelmilch. Von 1963 bis 1988 hat der Rennsportfotograf nicht nur die Kraftprotze, sondern auch die Akteure hinter den Kulissen – Rennfahrer im Gespräch, Mechaniker mit ölverschmierten Händen – mit seinen Fotos für die Ewigkeit festgehalten. Die rasenden Helden auf vier Rädern – von den speziell angefertigten Prototypen aus den 60er Jahren – den Modellen 550, 718, RS und RSK – über die leistungsstarken 907 und 908 bis hin zu den wohl kultigsten Rennwagen aller Zeiten, dem 917, dem 962 und natürlich dem zeitlosen Porsche 911 – hat er dabei durch seine einzigartige Zoomtechnik eingefangen. Deshalb nannten ihn seine Kollegen auch den Zoom-Master.
Seine persönliche fotografische Reise durch die Geschichte der Porsche-Langstreckenrennen, von Le Mans über die Targa Florio und Spa-Francorchamps bis nach Monza, hat jetzt der Taschen Verlag in einem faszinierenden XL-Buch Porsche Racing Moments veredelt.
Am Samstag, 5. April, signiert Rainer W. Schlegelmilch im Berliner Taschen Store in der Schlüterstraße 39 von 17 bis 18 Uhr seine fotografische Liebeserklärung. Erleben Sie die Legende der Motorsportfotografie, einen der bedeutendsten Chronisten des internationalen Rennsports live.
https://www.taschen.com/de/books/sports/09900/rainer-w-schlegelmilch-porsche-racing-moments/