Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland
von Heidi Müller
Strahlende Bilderwelten
Da haben wir wieder den Beweis. Ein Blick über den Tellerrand kann nur bereichern. Mit seinem offenen Blick nach Frankreich prägte Max Liebermann den deutschen Impressionismus. Damit war er Wegbereiter der ersten künstlerischen Avantgarde in Deutschland. Bis zum 7. Juni 2026 ist das Museum Barberini in Potsdam Schauplatz dieser Avantgarde. Insgesamt 116 Werke aus mehr als 60 internationalen Sammlungen sorgen für Gänsehaut-Momente. Im Zentrum steht Max Liebermann in seinen Rollen als Künstler, Sammler und Präsident der Berliner Secession, der entscheidende Impulse für die Internationalisierung des deutschen Kunstbetriebs gab.
Zugleich offenbart die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Museum Frieder Burda, Baden-Baden entstand, eine neue Generation von Malerinnen und Malern, die, inspiriert von der französischen Moderne, Themen wie pulsierende Stadtansichten, Freizeit- und Naturdarstellungen, Kinderportraits und Theaterszenen künstlerisch weiterentwickelte. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den lange vernachlässigten Künstlerinnen wie Charlotte Berend-Corinth, Emilie von Hallavanya, Dora Hitz, Sabine Lepsius und Maria Slavona.
Die von Frankreich ausgehenden Impulse griffen deutsche Künstlerinnen und Künstler nach 1900 auf und entwickelten dabei eine eigenständige Bildsprache. Ihr Augenmerk richtete sich zunehmend auf die soziale Dimension der Kunst. Sie malten fortschrittliche Sozialeinrichtungen wie holländische Waisenhäuser und nahmen die neuesten Strömungen der Reformpädagogik in ihre Werke auf. Zugleich legten sie Wert auf eine erzählerische Form der Darstellung.
Neben lichtdurchfluteten Landschaften widmeten sich die Impressionisten in Deutschland nächtlichen Stadtansichten, erhellt durch moderne elektrische Beleuchtung. Sie thematisierten gesellschaftliche Spannungen sowie die Anonymität des Großstadtlebens. Dabei offenbarte sich eine ambivalente Sicht auf die Metropole zwischen dynamischem Kulturraum und Ort emotionaler Belastung. Ein ganzer Raum ist Berliner Stadtbildern gewidmet.
Max Liebermann sammelte selber Werke französischer Impressionisten, die für ihn den Maßstab zeitgenössischer Kunst darstellten, und beriet den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, bei dessen Ankäufen in Paris. Liebermanns bedeutende private Sammlung konnten die Gäste in seiner Villa am Wannsee bewundern. Ab 1909 legte er dort einen aufwendig gepflegten Garten an, dessen leuchtende Blütenpracht zum zentralen Motiv seines späten impressionistischen Schaffens wurde – vergleichbar mit Claude Monets Garten in Giverny.
Liebermann starb zwei Jahre nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Seine Villa am Wannsee bleibt als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten.
Infos:
Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam
Laufzeit der Ausstellung: bis 7. Juni 2026
www.museum-barberini.de
Fotohinweis:
Max Liebermann
Mein Haus in Wannsee mit Garten, um 1926
Öl auf Leinwand, 70,5 × 90,2 cm
Privatsammlung