Martina Tittel: Buchhändlerin, Verlegerin, Imaginationstalent

von Heidi Müller

„So ein satter, harmonischer Geruch“

Wenn man sie bitten würde, dass sie sich mit zwei Aussagen charakterisiert, würde sie sagen: „Ich habe die Gabe, zu imaginieren“ und „Ich habe eine Schildermacke.“  Das ließe sich aber noch mühelos ergänzen mit „Ich bin eine Kämpfernatur“ und „Ich rede niemanden nach dem Mund“. Martina Tittel sagt, was sie denkt. Das ist meistens sehr wohltuend. „Meine Oma hat mich beschissen“, sagt sie. Immer, wenn sie ihr etwas vorgelesen hat, habe sie einfach längere Passagen weggelassen. „Als ob ein Kind das nicht merkt.“ Das habe sie so wütend gemacht, dass sie beschlossen hat: Ich muss lesen lernen.
Man muss nicht an Vorsehung glauben, um den roten Faden dieser Geschichte aufzunehmen: Bücher spielen eine zentrale Rolle im Leben der in Berlin-Neukölln geborenen Martina Tittel. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Handelsassistentin, bei Karstadt am Hermannplatz. Sie studiert Biologie und Germanistik, ersetzt dann Biologie durch Politologie und Publizistik. Sie arbeitet als Krankenpflegerin auf einer Sozialstation, ist in der Hausbesetzer-Szene aktiv. Und wann kommen jetzt endlich die Bücher in ihr Leben? Gemach, gemach. „Ein Freund fragte mich, ob ich nicht in der Zossener Straße in Kreuzberg eine erkrankte Buchhändlerin vertreten könne.“ Sie konnte.
Willkommen in der Welt der Bücher: Elefanten Press-Buchhandlung, ein Buchhandels-Pilotprojekt bei IKEA (über zwei Jahre in vier Städten), Montanus-Kette, Abteilungsleiterin bei Wertheim. „Ich habe überall erst mal alles umgeräumt", sagt Martina Tittel. „Und ich habe Schilder angebracht. Wie ich in meinem Leben eben immer überall Schilder angebracht habe." Schilder strukturieren, Schilder sortieren, Schilder vereinfachen.

Zwischendurch hat sie den Kosmos der Bücher mal verlassen und setzte ihr strukturiertes Können für eine Bank ein. Filialen bauen, einrichten, planen, schlüsselfertig übergeben. Weitere bücherferne Auftraggeber folgten. Dann nahm sie wieder den roten Faden auf – und landete als Geschäftsführerin im Kulturkaufhaus Dussmann. Der Olymp, könnte man meinen. Sieben (verflixte) Jahre wirkte sie, machte aus dem Haus eine Marke. „Überwiegend durch Veranstaltungen", sagt Martina Tittel. „Ob Clinton oder Albright, alle kamen nur zu uns, wenn sie ein Buch vorstellten." Ende 2006 dann das Zerwürfnis. „Ich wurde rausgeschmissen. Wegen Ungehorsams …", erinnert sie sich. Wir wissen: Diese Frau redet nun mal niemanden nach dem Mund.

Ein Charakterzug. Eine Gewohnheit ist dagegen, dass sie Todesanzeigen liest. So erfährt sie, dass der Inhaber der Nicolaischen Buchhandlung in Friedenau verstorben war. Sie ahnen es: So kommt Martina Tittel zu ihrer ersten eigenen Buchhandlung, die älteste Buchhandlung Berlins, gegründet 1713.
Sie räumt alles um (die Gewohnheit), lässt neue Regale einbauen – „alle pyramidal ausgelegt, pyramidal ist essentiell“ – bringt Schilder an. „Ich wusste genau, wie meine Buchhandlung einmal aussehen wird.“ An die 10.000 Titel hat Frau Tittel zu bieten. Und Veranstaltungen.
2023 übernimmt sie dann noch den Nicolai Verlag – aus sentimentalen Gründen. Für sie ein historischer Zusammenschluss. Die Resonanz ihres Umfelds teilte sich in „Bist du bescheuert!“ und „Bist du mutig!“ Bescheuert mutig eröffnete sie dann in Kladow auch noch ihre zweite Buchhandlung.
Wenn ihre Oma gewusst hätte, was sie mit dem Auslassen von Textpassagen auslöst. Merke: Nichts im Leben geschieht ohne Konsequenzen.
Wenn Martina Tittel morgens ihre Buchhandlung in Friedenau betritt und den Duft ihrer Bücher einatmet – „morgens ist er am intensivsten, so ein satter, harmonischer Geruch“ – dann weiß sie: Sie hat alles richtig gemacht.

Nicolaische Buchhandlung
Rheinstraße 65
12159 Berlin
Tel.: 030 / 8524005

www.nicolaische-buchhandlung.de

https://nicolaische-buchhandlung.buchhandlung.de/shop/magazine/162768/nicolai_verlag.html

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